Antisemitismus - Antizionismus - Kapitalismus

Dieses Thema im Forum "Politik, Gesellschaft & Wirtschaft" wurde erstellt von Orestikon, 03.11.11.

  1. Orestikon

    Orestikon Gast

    Fortsetzung von hier.

    Na aber gerne.

    Struktureller Antisemitismus bedeutet: Die objektive Struktur in jenen Gesellschaften, die nach der kapitalistischen Produktionsweise produzieren, bringt den Antisemitismus hervor. Im Kapitalismus ist die Herrschaft abstrakt, das bedeutet: Anstelle einem Herren direkt und persönlich unterworfen zu sein und sich seiner Herrschaft ausgesetzt zu sehen, befindet sich jedermann in einem sachlichen, unpersönlichen Abhängigkeitsverhältnis zu jedem anderen: Dem Ausbeutungsverhältnis zwischen Arbeiter und Kapitalist.

    Der Kapitalist ist aber nicht irgendein gehässiger Mensch mit Zigarre und Zylinder, auch nicht der direkte Vorgesetzte eines Arbeiters. Da sich jeder in einem Abhängigkeitsverhältnis zu jedem anderen befinden kann, ist es völlig unerheblich, dass dieser Kapitalist mehr von meiner Arbeit profitiert als der andere. Herrschaft und Ausbeutung sind und bleiben im Kapitalismus unpersönlich und abstrakt, besonders in der Demokratie.

    Nun ist es für jedermann einfach zu merken, dass es Ausbeutung und Herrschaft gibt. Das abstrakte Verhältnis wird aber nicht durchschaut. Es bildet sich Ideologie: Zum Beispiel denken einige Menschen, dass der Grund, warum ihr "Arbeitgeber" ihnen kündigen muss, in den Konkurrenzbetrieben zu suchen ist: Der eigene Betrieb ist das Opfer des "ungezügelten Raubtierkapitalismus", die Bösen sind die Konkurrenzbetriebe oder die "Heuschrecken" aus dem Investmentgeschäft. Das Ausbeutungsverhältnis wird also nicht zwischen Arbeiter und Kapitalist gesehen, stattdessen identifiziert man sich mit dem eigenen Betrieb und denkt, die Ausbeutung würde durch andere, unmoralisch und gierig agierende Kapitalisten stattfinden.

    Bis hierhin ist dieses Missverständnis erst ein einfacher Fehler im Denken, der sich klären ließe, Antisemitismus ist hier noch nicht zu sehen. Auf die "Heuschrecken" und das "Finanzkapital" zu schimpfen, ist verkürzte Kapitalismuskritik und durchschaut den Ausbeutungszusammenhang des Kapitalverhältnisses nicht, aber von Antisemitismus kann man hier noch nicht sprechen.

    Es ist zu bemerken, dass dieses abstrakte und unpersönliche Ausbeutungsverhältnis den Menschen Angst macht. Da ein Sachverhalt, der wesentlich für das Leben der allermeisten Menschen ist, unverstanden bleibt, kommt es zur Mystifizierung des Sachverhalts. Die Erklärung der Ausbeutung, wie Marx sie erfolgreich geliefert hat, wird nicht gekannt, stattdessen erscheinen einem die abstrakten Sachzwänge als böse, dämonische Mächte. Um den Dämon zu bannen, braucht er einen Namen und ein Gesicht: Was abstrakt nicht verstanden wird, muss ins Konkrete gebracht werden, damit es erstens greifbar und zweitens angreifbar ist. Der Kapitalismus braucht eine Personifizierung, die anschließend dämonisiert wird.

    Die Projektionsfläche, in der das abstrakte Kapitalverhältnis greifbar werden soll, ist historisch der Jude. Der Grund dafür ist im christlichen Antijudaismus und im Zinsverbot zu sehen. Im Zins wird die Irrationalität des Kapitalismus klar sichtbar und aus historischen Gründen ist die Assoziation zu Zins, Wucher und Finanzkapital immer der Jude gewesen. Man will sich der Ausbeutung durch das Kapital entledigen, doch anstelle das Kapital abzuschaffen, regt sich der Wunsch nach der physischen Vernichtung des für das Unheil der Welt ausgemachten Juden.

    An dieser Stelle ist der Antisemitismus nicht mehr nur Ideologie - Ideologie ist falsch, doch sie bezieht sich auf materielle Tatsachen - sondern bereits Wahn, da dieses Gerücht über die Juden nichts mehr mit dem realen Verhalten der Juden zu tun hat.

    Historisch sieht man etwa im Nationalsozialismus diese Antisemitismustheorie, nach der Antisemitismus eben nicht einfach nur Rassismus gegen Juden ist, wunderbar bestätigt. Die antisemitische Hetze zielte immer auf den Unterschied zwischen dem guten, "schaffenden" Industriekapital und dem bösen, raffenden Finanzkapital ab. Aktuell sieht man eine Renaissance dieses Denkens, im Schatten der Finanzkrise werden wieder allseits Schuldige gesucht. Statt die Struktur des Kapitalismus zu betrachten und zu erkennen, dass zyklische Überproduktionskrisen Systemimmanent sind, sucht man wieder ein Opferlamm, das man schalchten kann: Gierige Banker, Heuschrecken und im fortgeschrittenen Stadium des Konkretionswahns eben Israel und die USA oder direkt die jüdische Weltverschwörung.

    Anstelle die Banker an den Laternen aufzuhängen, sollte das Kapitalverhältnis lieber ein für allemal beseitigt werden. Denn solange es das Kapitalverhältnis gibt, wird es immer wieder zu antisemitischen Denkformen kommen. Diese müssen sich dabei gar nicht zwangsläufig auf Juden richten: Beim Völkermord in Ruanda etwa, einem der schlimmsten der Nachkriegsgeschichte, wurde die reiche Kaste der Tutsi durch die arme Kaste der Hutu verfolgt und Millionenfach umgebracht. Auch bei Tutsi und Hutu erkannte man ähnlich wie bei der Shoah den Grund der Verfolgung im personifizierten Kapitalverhältnis. Es gab Gerüchte und Stereotypen, die ganz ähnlich zu denen des Antisemitismus waren. Der wesentliche Unterschied zwischen der Verfolgung der Tutsi und der der Juden war allerdings, dass das Kapitalverhältnis tatsächlich in den Tutsi personifiziert werden konnte, bei den Juden war das anders, die europäischen Juden waren zu allergrößten Teilen arme Bauern und in Deutschland Mittelständler. Allerdings zeigt sich hier deutlich, dass das Leid, das der Kapitalismus schafft, nicht gelöst werden kann, wenn man die Profiteure hinrichtet, die Hutu sind auch heute noch arm, es kam einfach der nächste Ausbeuter.

    Nochmal zum Unterschied zwischen strukturellem und manifestem Antisemitismus: Von strukturellem Antisemitismus wird gesprochen, um diese Denkform, die zum Antisemitismus führte, sich aber auch andere Projektionsflächen suchen kann, aus der Struktur des Kapitalismus zu erklären. Der handfeste Antisemitismus, wie er im dritten Reich gezeigt wurde, beschränkt sich nicht auf das Kapitalverhältnis, hier fließen noch viel mehr Wahnbilder ein. Hier erscheint der Jude nicht nur als Herr über das Kapitalverhältnis, sondern als Herr über alles: Man denke auch an die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion, die eine jüdische Weltverschwörung gigantischen Ausmaßes herbeihalluziniert. Oder auch an die Kindesmordlegende, an die Legende vom Blutritual und so weiter.

    Die Abgrenzung zum Antizionismus ist die, dass Antizionismus erstmal nur die Feindschaft gegenüber dem Resultat des Zionismus, Israel, bedeutet. Feindschaft gegenüber einem Staat ist noch nichts anrüchiges, Staaten sind Gewaltapparate, die auf den Müllhaufen der Geschichte zu landen haben. Allerdings wird dieser Antizionismus meistens nicht im Rahmen einer allgemeinen Staatskritik betrieben. Stattdessen will man gerade auf Israel hinaus. Während man jedem anderen Staat jede Sauerei durchgehen lässt, wird der Jude unter den Staaten besonders beäugt. Unter dem Antizionismus versteckt sich in vielen, vielen Fällen nur ein aseptischer Antisemitismus, der anstelle des gesellschaftlich sanktionierten Gerüchts gegen Juden lieber mit dem Gerücht gegen den Judenstaat vorlieb nimmt.
    Die Parteinahme für die Palästinenser ist dabei in aller Regel pure Heuchelei. Im Libanon etwa vegetieren die Palästinenser seit 60 Jahren unter miesesten Bedingungen vor sich hin, ihnen wird die libanesische Staatsbürgerschaft nicht gegeben und sie werden im Alltag rassistisch diskriminiert. In Syrien sind die Verhältnisse für palästinensische Flüchtlinge so schlecht, dass sie über die Grenze stürmen und sich festnehmen lassen, weil sie in israelischen Abschiebegefängnissen bessere Verhältnisse und die Wahrung der Menschenrechte vorfinden, in Syrien hingegen nicht. Niemals hört man von einem selbsternannten Freund der Palästinenser etwas darüber, Sündenbock ist Israel. So sehr es den Palästinensern zu wünschen wäre, in menschenwürdigen Bedingungen leben zu können, sie haben eindeutig die falschen Freunde.

    Ich möchte aber nicht abstreiten, dass es auch Antizionisten gibt, die keine Antisemiten sind und es auch mit den Palästinensern ehrlich meinen. Das ist nur leider sehr selten der Fall.

    Mehr Material gibt's hier:

    Fetischismus und Antisemitismus
    Antisemitismus und Finanzkapital, eine gute Erklärung der Funktionsweise des Kapitals und der Versuch der Erklärung des Antisemitismus, Beispielhaft gezeigt am Denken des ehemaligen Antideutschen und heutigen Linksnationalisten Jürgen Elsässer.
    Mehr zur antisemitischen Projektion
    Israel und Antisemitismus, heute in Deutschland.
    Antirassistischer Antisemitismus, im moralisch einwandfreien Gewand.
    Kritik des Antisemitismus, MP3
    Konkretionswahn, MP3
    Deutsche Arbeit, MP3
    Deutsche Projektionen, Kritik des Antisemitismus und des Antizionismus

    Ansonsten sind zu empfehlen: Die Antisemitismustheorie von Horkheimer/Adorno in der Dialektik der Aufklärung und die von Moishe Postone.

    (Ich erwarte natürlich von niemandem, das alles zu lesen und zu hören. Aber wer ich dafür interessiert, findet hier auf jeden Fall Quellen.)
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 03.11.11
  2. Sysysy

    Sysysy Gast

  3. Sysysy

    Sysysy Gast

    Allein der Ansatz, Kapitalismuskritik mit Antisemitismus zu verquicken ist krank.

    Von keiner Sichtweise aus hat das eine mit dem anderen etwas zu tun, wenn man historisch konstruierte Zwangssituationen und gefestigte Vorurteile außer Betracht lässt.

    Es ist in äußerster Weise beängstigend, das sich wieder so viele junge Leute finden, die von rechts aus Kapitalismuskritik äußern und sich dabei in ihrer Erscheinungsweise den Linekn annähern, während sie doch nur eines meinen: Dass die alten BVerschwörungstheorien wieder aufgekocht werden sollen.
     
  4. Orestikon

    Orestikon Gast

    Danke für den Link. :)

    Diese Verbindung von oberflächlichem Antikapitalismus und Antisemitismus ist in der Tat fatal. Die verkürzte Kapitalismuskritik sorgt für eine nachhaltige Delegitimation tatsächlicher Kapitalismuskritik. Man betrachte nur prokapitalistische Netzwerke wie achgut.com, die den völkischen Antikapitalismus erkannt haben und zur Delegitimation emanzipatorischer Kapitalismuskritik benutzen. Es ist schade, wenn Linke darin das "kleinere Übel" erkennen wollen und die Verhältnisse, die Gewalt und das miserable Leben der Mehrheit aller Menschen bedeuten, gegen die Antisemiten in Schutz nehmen zu müssen glauben - hab' ich früher leider auch gemacht.
     
  5. Cancelot

    Cancelot

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    Klasse! Danke für die viele Arbeit, ich hoffe sehr, dass sich wirklich JEDER hier die Mühe macht, das gewissenhaft zu lesen, bevor er hier weiter mitquakt.
     
  6. Sysysy

    Sysysy Gast

    Ich hoffe, dass das nicht allzuviele Linke tun, ich weiß, dass es zuviele tun.
    Aber das ist ein gewaltier Fallstrick der neuen Zeit, der neuen Propaganda der "neuen Rechte(n)".
    Che Guevara, Rio Reiser und die Ärzte.....man findet sie nicht mehr nur bei linken Zecken.
    Schon lange nicht mehr. Querfront heißt das.
     
  7. Cancelot

    Cancelot

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    Hm, ja. Es überkommt einen eben manchmal der Hang zur "Realpolitik", also die Akzeptanz des Gegebenen als dem kleineren Übel im Vergleich zu den Vorhaben der Ultrarechten. Die "verkürzte Kapitalismuskritik" scheint als für den Moment erfolgversprechender, als eine langfristig anzulegende "emanzipatorische Kapitalismuskritik" mit völlig ungewissem Ausgang.
    Wichtig ist für mich dabei, in der taktischen Realpolitik das große strategische Ziel der gesellschaftlichen Neuordnung nicht aus den Augen zu verlieren.

    Die Realpolitik gänzlich zu vernachlässigen könnte auch dazu führen, in Schönheit zu sterben, nämlich sich mit seinen strategischen Gedanken plötzlich in real existierenden braunen Todeskellern wiederzufinden!
     
  8. Ergo die Aufhebung der kapitalistischen Zustände zur Realpolitik machen.
     
  9. Cancelot

    Cancelot

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    Das wäre die logische Konsequenz, allerdings hat "real" einiges mit "realistisch" zu tun, z.B steht die unbedingt erforderliche Neuauflage einer Komintern in krassem Gegensatz zu meiner persönlichen Reichweite. Eine lokale, nichtkapitalistische Insel ist keine Lösung, den Weg zu einer globalen, flächendeckenden Installation sehe ich nicht. Du?

    Kleine Ergänzung zum Thema: http:Judenfeindlichkeit-fest-verankert
     
  10. Die Insel ist schlimmstenfalls meine persönliche Lösung und bestenfalls der erste Schritt zu einer Globalen.
     
  11. Behrenard

    Behrenard

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    Warum sollte man diese kranke Propaganda weiter als bis zum 5. Absatz lesen?

    Ist doch allgemein bekannt, daß nicht der reale Kapitalismus, sondern der von Marx-Jüngern geschürte Hass auf denselben zum Antisemitismus führt. Orestikon hat Recht, wenn sie schreibt, daß Judenhaß aus, ich nenne es mal, "fehlgeleiteter Kapitalismuskritik" entspringt. Nur habe ich noch keine einzige Kapitalismuskritik (schon garnicht von Marx selbst) gelesen, die nicht irgendwo "fehlgeleitet" war.

    "Das Kapital" ist keine Analyse der modernen Industriegesellschaft. Es ist ein Plot für eine fiktive dystopische Gesellschaft, in der man düstere Science-Fiction Stories ansiedeln könnte.
     
  12. Orestikon

    Orestikon Gast

    Schade dass du sachlich mal wieder nichts hergibst.

    Kein Wunder: Du hast ja Marx nicht gelesen, sonst würde schließlich nicht so ein Unsinn dabei herauskommen:

    Kapitalismus führt offenbar nicht nur zu Antisemitismus, sondern auch zu Borniertheit. Wer im Kapital Science-Fiction-Stories ausmachen will, hat entweder einen an der Waffel, oder nicht den hauch einer Ahnung wovon er spricht. Such's dir ruhig aus, Behrenard.
     
  13. im umkehrschluss bedeutet das also: gäbe es keine kritik an den bestehenden verhältnissen, würden die schtetl noch heute blühen?
    mal abgesehen davon, dass das ein wirklich fragiles gedankengebäude ist, blendet es antisemitismen älterer prägung vollkommen aus.
    das krank streife mal nur, auch wenn es im kontext ein wenig müffelt. wie eine analyse einen plot darstellen soll, erschliesst sich mir allerdings nicht so ganz, aber seis drum.
     
  14. Sanjara

    Sanjara Gast

    Ich habe Spam und Beleidigungen gelöscht. Es würde mich freuen, wenn die Diskussion zum Thema fortgeführt würde. Danke.
     
  15. Cancelot

    Cancelot

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    ich weiß nicht, wo du "Hass" bei den "Marx-Jüngern" ausmachst, ich weiß noch nicht mal, wen du mit "Marx-Jünger" meinst. Jedenfalls kenne ich keine ernsthafte und gleichzeitig von Hass geprägte Kapitalismuskritik. Ernsthaftigkeit und Hass schließen sich generell aus, egal um welches Anliegen es sich handelt.

    "dystopisch" ist deine Wertung einer aus der Kapitalismuskritik erwachsenden neuen Gesellschaft. Diese Wertung ist wegen fehlender Substanz die Pixel nicht wert, die dafür eingefärbt werden mussten.

    Insgesamt ein völlig hohler post in einer pseudowissenschaftlichen Hülle - etwas für den Abfall.
     
    Zuletzt bearbeitet: 08.11.11

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