Verrät der Klassenkampf den Kommunismus?

Dieses Thema im Forum "Politik, Gesellschaft & Wirtschaft" wurde erstellt von Espantoso, 28.09.13.

  1. Espantoso

    Espantoso Gast

    Im Fokus kommunistischer Kritik steht das Eigentum und die Fülle an Idealen, Welt- und Menschenbildern und Moral, die sich unter anderem aus diesem [Eigentum] ableiten. So entwickelten sich z.B. Kriege immer aus diesen Ableitungen heraus. Hintergrund sämtlicher, auch aktuellerer, Konflikte sind wirtschaftliche, nationalistische oder religiöse Differenzen zweier oder mehrerer Wirtschaftssysteme, Staaten und Religionen.

    Verrät der Klassenkampf, als bewaffneter Aufstand (Krieg?), nicht also die kommunistische Idee? Ganz unabhängig davon, wie sehe die Überwindung des Kapitalismus aus?
    Die Überlegungen kommunistischer Theoretiker kollidieren ganz offensichtlich mit der kommunistischen Idee an sich, seien es die von Gramsci oder Lenin.

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  2. Orestikon

    Orestikon Gast

    Nein, ein bewaffneter Aufstand ist ja etwas anderes als ein Krieg. Er hat andere Gründe, einen anderen Verlauf und andere Zwecke. Außerdem kennt eine Revolution ein Ende, während Krieg im Kapitalismus eine Dauereinrichtung ist, die im Frieden nicht aufgehoben, sondern deren Ergebnisse im Frieden festgeschrieben werden.

    Es ist auch gar nicht der Zweck der Kommunisten, überhaupt Gewalt anzuwenden. Sie sehen sich nur einfach mit der staatlichen Gewalt konfrontiert, die das Privateigentum garantiert. Wenns nach mir ginge, könnten wir auch gleich morgen ohne Revolution anfangen die Wirtschaft nach dem Bedarf zu planen. Man müsste nichtmal Fabrikbesitzer aus den Fabriken jagen oder ihnen die Hämmer aus der Hand nehmen, die sitzen da ja eh nicht drin.

    Es stimmt allerdings, dass Überlegungen zur Revolution wie Lenin sie angestellt hat keine Überlegungen über den Kommunismus, also über eine vernünftige Planung der Produktion sind. Die russischen Revolutionäre wussten das auch und haben in Rusland eine staatlich geplante Entwicklung zur Industrienation im Gewaltakt angestrebt, also eine geplante Entwicklung der Bedingungen des Kommunismus. Zunächst war da auch die Unterstützung von Revolutionen in anderen Staaten Teil des Programms, außerdem stand der Ostblock dem Markt nicht mehr zur Verfügung, deshalb bedeutete die permanente Revolution in der Sowjetunion effektiv natürlich wirklich einen Krieg, an dem aber eben die kapitalistischen Staaten ein Interesse hatten und nicht die Kommunisten.

    Edit: Oh, übrigens, zur Überschrift. Klassenkampf ist auch so eine Notwendigkeit im Kapitalismus und nicht das, was Kommunisten vorhaben. Die wollen den Klassenkamf beenden. Der sieht im Kapitalismus nämlich auf Arbeiterseite so aus, dass man den Lohn prinzipiell als Lebensmittel anerkennt und um seine Höhe streitet, während er auf Kapitalistenseite z.B. so aussieht, dass Arbeiten produktiver und Arbeiter überflüssig gemacht werden.

    Statt den ganzen Widersprüchen, die der Klassenkampf bedeutet, wäre eben eine koorperative Wirtschaft mal was schönes.

    Die Kategorie des Verrats würde ich da aber nicht aufmachen. Wer Klassenkampf als Dauerauftrag und am Ende noch als Quelle des Stolzs sieht, der war ja höchstwahrscheinlich nie Kommunist, was soll er da also verraten. Kommunisten haben ja das Problem, dass sie die Erklärung davon, was Kapitalismus, Klassenkampf usw. eigentlich bedeuten erstmal an die Leute herantragen müssen die ständig damit beschäftigt sind genau das zu betreiben. Man muss dann z.B. Leuten die auf Geld angewiesen sind erzählen dass Geld nicht das Mittel ihrer Bereicherung, sondern ihre Schranke ist, was den Leuten erstmal unintuitiv vorkommt. Und da rede ich erstmal nur über den sogenannten instrumentellen Vernunftgebrauch und noch gar nicht über die politische Ideologie, in der die Leute sich ihre Situation auch noch aktiv schönreden oder ausmalen statt sie (zumindest) zu verbessern.

    Ich möchte stattdessen mal darauf verweisen wo wirklich ein zumindest innerhalb dieses Systems vernünftiger Anspruch nach Lohnkämpfen draufgegangen ist, z.B. bei den deutschen Gewerkschaften. Die stimmen der deutschen Standortpolitik zu, wollen also Konkurrenz mit ausländischen Arbeiterschaften führen, und stellen den Erhalt deutscher Arbeitsplätze über den Kampf um Lohn. Bei den deutschen Gewerkschaften kann man also nichtmal mehr von sowas wie klassenkämpferischen Organisationen sprechen, die sind stattdessen mittlerweile so in den Kapitalismus integriert, dass sie eben die Arbeitnehmerseite in Lohnverhandlungen vertreten und damit eine Mitbestimmung der Arbeiterschaft über ihre eigene Benutzung anstreben, also eine personelle Beteiligung an den Entscheidungen, wo Einschränkungen ihres Interesses hinzunehmen sind.

    Man muss die "Lage" des Lohnarbeiters eben abschaffen statt sie einfach nur verbessern zu wollen, und den Klassenkampf mit den Klassen überflüssig machen.
     
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 29.09.13
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  3. Bobah

    Bobah

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    Ich kann mich bzgl. der Fragestellung meinem Vorredner nur anschließen. Der Kommunismus ist die Idee einer Gesellschaftsform, der Klassenkampf ein Phänomen eben jener und jeder. Der Klassenkampf ruht solange zwei oder mehrere Klassen/Quasten einer Gesellschaft sich miteinander und der Separation arrangieren können und wollen. Sobald aber Unterdrückung und Ausbeutung stattfindet ist dies schon eine unmittelbare Form des Klassenkampfes; Streiks, Aufstände und Bürgerkriege sind dann eine Reaktion.

    Wie nun ein gerechter Kampf und Widerstand gegen die Missstände einer Gesellschaft auszusehen haben ist fast schon eine Meinungsfrage. Sie reicht von reformistischen, individuellen Taten wie dem Wählen gehen innerhalb einer Demokratie bis hin zu revolutionären, kollektiven Bewegungen wie etwa gewalttätigen Staatsstreichs.
    Da die wahren, nicht einfach selbst ernannten Kommunisten gestern wie heute im Allgemeinen sehr weltlich, sachlich und dialektisch denken und handeln ist davon auszugehen, dass ihr Klassenkampf ein relativ gerechter und vor allem menschlicher sein wird. Dennoch halte ich die Bindung an ein übergeordnetes Ideal, quasi einen Glauben, als Kerze im Dunkel für unabdingbar. Zu oft schon hat des Zweckes Mittelheiligung zu Degeneration, Verrat und Selbstzerstörung unzähliger linker Bemühungen geführt und die kronenen Erfolge in tiefes Leibesblut gespült. Gnädig sein und sogleich konsequent ist ein Wa(a)gnis, jedoch kein unmögliches!
     
  4. Ala -

    Ala -

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    Nicht ganz. Ausbeutung ist ein Strukturmerkmal des Klassenarrangements, das im Volksbegriff am konsequentesten aufgeht. Die gegensätzlichen Interessen der Klassen sind ja genau das, was da miteinander arrangiert wird: Die Harmonisierung und produktive Nutzbarmachung eines eigentlich zerstörerischen Verhältnisses.

    Gar nicht mal schlecht...
     
    Zuletzt bearbeitet: 25.01.18

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